was noch fehlt

über mich

Bevor ich zu einem relativ späten Lebenszeitpunkt angefangen habe, Holzfiguren zu schnitzen, habe ich über fast 40 Jahre hinweg in sehr unterschiedlichen Bereichen (vom Handwerk über Dienstleistungen und dem universitären Bereich bis hin zu Erwachsenenbildung, Managment und nun auch im Bereich der Gastronomie und Kunst) Lebenserfahrungen sammlen können. Das Wichtigste dabei war die Erfahrung, daß das Leben  ganz anders ist.

1966

2012_1020ela0072

The Times
They Ar a-Changin’,
und die Trauer schläft
in deinen Augen,
weck sie nicht
mit deinem Schrei.
Pack die Sachen
die dir wert sind
,
sag adieu
zu deinen Leuten,
diese traurig düstere Reise
ist jetzt auch
vorbei.

(abgewandelt nach
F.J.Degenhardt)

und über die kunst:

kunst ist die kunst, eine geschichte zu erzählen

Viele meiner Skulpturen, die mir besonders am Herzen liegen erzählen Geschichten von einer Lebensweise, die nur ein Ziel kennt: weiter, schneller, höher und größer, bzw. von Versuchen, in dieser Welt die Orientierung nicht zu verlieren.  Diese Skulpturen erzählen Geschichten von unterlassenen und verdrängten Träumen, von falschen Hoffnungen und falschen Gewissheiten.  Sie handeln von einem gehetzten Alltag, von dem der wir glauben, dass so das Leben sei.  Wir sind eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen, die ständig bemüht sind, Zeit einzusparen, von der sie hinterher nicht mehr wissen, wie sie sie totschlagen sollen, Zeit, die sie benötigen, um Dinge zu erwirtschaften, die sie nicht brauchen, um damit Menschen zu beeindrucken, die sie nicht leiden mögen,   schreibt sinngemäß der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm  bereits 1976  in seinem Buch “Haben oder Sein”.

Nach einigen eindrücklichen Lebenserfahrungen werde ich den Verdacht nicht los, dass das Leben ganz anders ist.

irritationen

Im Jahre 2001 habe ich meine ersten Schnitzversuche unternommen. Zwei Jahre später habe ich mir spezielles Schnitzwerkzeug gekauft und begonnen, regelmäßig Holzfiguren herzustellen. Weil ich mich seit Beginn meiner ersten bildhauerischen Versuche gefragt habe, was ich denn da eigentlich mache, wenn ich schnitze, habe ich Bücher gelesen, in Zeitschriften recherchiert und mit Menschen geredet um herauszufinden, was denn Kunst ist und wie der Kunstbetrieb funktioniert. Es ging mir hierbei nicht um kunst- oder kulturwisschenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse. Ich wollte die Alltagsfrage für mich beantworten, wo die Grenze zwischen Trivialität und der Einlösung weitergehender Ansprüche verläuft und wie diese beschaffen ist; ob das, was ich mache, weitergehenden Ansprüchen gerecht werden kann, wenn ja, welchen und warum.

Ein diesbezügliches Schlüsselerlebnis hatte ich, als ein Freund mich fragte: „Machst du was, was man verstehen kann, oder machst du mehr so ‚Kunst‘?“. Es scheint so zu sein, daß auf dem Kunstmarkt etwas inszeniert wird, was sich dem Alltagsverständnis vieler Menschen im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung verschließt. Kritische Stimmen behaupten, daß auf dem Kunstmarkt ein „Sektenritual“ gepflegt  wird, von dem man „ohne erfolgreich abgeschlossene Gehirnwäsche ausgeschlossen bleibt“. Wem dieses Urteil zu hart ist und wer genaueres wissen will, findet bei den Künstlern und Kunsthistorikern Christian Sahernd und Steen T. Kittl („Das kann ich auch, Gebrauchsanweisung für moderne  Kunst“ S. 290) in unterhaltsamer  Form eine Fülle von Fakten und Schlussfolgerungen.Völlig absurd und nur noch als Immunisierungsstrategie zu verstehen wird das Ganze bei einer Betrachtungsweise wie in der sogenannten Konzeptkunst, in der „Kunst nur dann ‚gute Kunst‘ ist, je weniger sie gesellschaftlich verstanden und anerkannt wird“ (Raimund Unger, „Die Heldenreise des Künstlers“, S.32)

Ich hatte nach vielen Jahren eigener bildhauerischer Tätigkeit die Gelegenheit, ein längeres Gespräch mit einer seit langem bundesweit beachteten Künstlerin zu führen. Eine kluge und reflektierte Frau, Beuys-Schülerin und Meisterschülerin von Gerhard Richter, die zeitweilig auch als Professorin tätig gewesen ist. Dennoch fühlte ich mich durch dieses Gespräch in meinem Eindruck bestätigt, daß in dem Treibhausklima der Kunst-Welt Beurteilungen über die Ansprüche, die an Kunst zu stellen sind gedeihen, die mit dem, was ich in meiner gesellschaftlichen Wirklichkeit erlebe, nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Denselben Eindruck hatte ich nach einem  Briefwechsel mit einem Vertreter des Vorstandes des Berufsverbandes Bildender Künstler in Berlin.  Ohne die meinungsprägende Mitgliedschaft in einer Künstlervereinigung (zwei Anträge auf Mitgliedschaft bei verschiedenen Künstlervereinigungen wurden abgelehnt wegen fehlender Ausbildung und weil meine Arbeiten “zu platt” seien),  ohne externe Ausstellungs- und ohne Wettbewerbsbeteiligungen bin ich neben eigenen Ausstellungsbesuchen und Literaturstudien in meinen Reflexionen geprägt durch die Betrachtungsweisen der vielen hundert Besucher die jährlich meine Werkstatt besuchen. Unter ihnen  sind auch viele Menschen, denen die Ästhetik der bürgerlichen Hochkultur  fremd ist. Gespräche mit diesen Menschen empfinde ich sehr oft als eine große Bereicherung. Sich nur von denen bestätigen zu lassen, mit denen man sich eh unter derselben Meinungsglocke befindet, mag zwar die Seele wärmen, führt aber evtl. zu einem erheblichen Defizit in der Wirklichkeitserfsassung.

wann sind holzfiguren kunst ?

Jenseits von Interessenlagen, in denen es um Finanzspekulation und Sozialprestige geht gilt, daß  es Gegenstand jeder Kunst ist, Geschichten zu erzählen (Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei, Tanz, Film, Oper, Theater etc.). Das zentrale (bild-)sprachliche Ausdrucksmittel der bildenden Kunst ist, durch  Verfremden, Hervorheben und Weglassen Irritationen bei dem Betrachter herbeizuführen, um somit dessen Wahrnehmung auf einen bestimmten Gegenstand oder eine Sichtweise zu lenken. Hervorheben, Weglassen und Verfremden hat zwangsläufig und auch gewollt ein gewisses Maß an Mehrdeutigkeit und Vagheit der Aussagen zur Folge. Von der notwendigen Vagheit und Mehrdeutigkeit der Aussagen bis zur gezielten Vernebelung der Absichten, der Verwirrung des Betrachters bis hin zur einer hohlen Geste des Künstlerischen ist es nur noch ein kleiner Schritt.

Es geht bei diesen Unterscheidungen um voneinander abzugrenzende Zielsetzungen. Im Gegensatz zu kreativer Selbstbeschäftigung, zu dekorativer Ästhetik, zu Illustration und Design geht es bei der Kunst darum, nicht ohne weiteres sichtbare Aspekte eines Themas aus einer emotional bedeutsamen und kognitiv erhellenden Perspektive zu betrachten und ggf. zugänglich zu machen. Um mit Paul Klee zu sprechen: „Kunst gibt nicht Sichtbares wieder, Kunst macht sichtbar“.

hand*werk
kann man sich erarbeiten, kunst braucht reife

Es stellt sich die Frage, um welche Art von Bedeutungsübertragungen es geht, wenn wir von Inspiration, von künstlerischem Ausdruck reden? Es handelt sich hierbei nicht um geheimnisumwitterte sphärische Eingebungen. Inspirationen wurzeln in alltäglichen Vorgängen, die allen Menschen geläufig sind: Wir sehen und erleben in unserem näheren oder weiteren Lebensumfeld Ereignisse, uns drängen sich Schlussfolgerungen auf, wir verarbeiten Erfahrungen, es gibt Sachverhalte, die uns staunen lassen etc.. Einige dieser Beobachtungen bleiben uns präsent, andere verschwinden sofort in den Tiefen unseres Bewußtseins, ohne aber deshalb weniger wirksam zu sein. Wer gern malt, schnitzt, musiziert etc. versucht dann ggf., diese Beobachtungen und deren Interpretation mit seinen den Mitteln seines Hand*werks in Szene zu setzen, und damit auch – wenn es gut geht – für sich zu verarbeiten.

kunst und bürgerliche
hochkultur

Kunst erschöpft sich nicht in den Ausdrucksformen der bürgerlichen Hochkultur. Für den aus dem nordfranzösischen Arbeitermilieu stammenden Soziologen Didier Eribon hatte in dem Lebensbereich seiner Herkunft “die” Kunst keine Bedeutung. Interesse an Kunst sei eine Frage der Bildung. „Ich mußte es erst lernen. Das war ein Teil einer nahezu vollständigen Umerziehung um in eine andere Welt eintreten zu können“ (Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, S.98). Das Interesse an Kunst habe in dieser Welt jedoch “stets, ob bewußt oder unbewußt auch damit zu tun, daß man das Selbst aufwertet, indem man sich von denen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben”. Hieraus resultiere  ein  Überlegenheitsgefühl, das aus einem “ewigen diskreten Lächeln ebenso spricht wie aus ihrer Körperhaltung,  dem kennerhaften Jargon wie aus dem ostentativen Wohlgefühl“, von dem die Selbstpräsentation geprägt ist.

Damit Kunst zugänglich werden kann, scheint es notwendig zu sein, etwas Übung in der Entschlüsselung von Metaphern und Bedeutungsübertragungen zu haben, die in dem jeweiligen Kulturkreis in der bildenden Kunst verwendet werden.  In jeder Erfahrungswelt werden die Geschichten eben dieser Erfahrungswelt erzählt. Das, was Eribon die „vollständige Umerziehung“ nennt, ist in erster Linie nicht einer besonderen Eigenart der Kunst geschuldet, sondern seinem Eintritt in eine andere Lebenswelt mit anderen Regeln, Selbstverständlichkeiten, anderen Geschichten, anderen kulturellen Ausdrucksformen und anderen Metaphern, Chiffren und sozialen Codierungen.

Der  Soziologe Pierre Bourdieu, der auf einer kleinen Bauernstelle im ländlichen Frankreich aufgewachsen ist, hat in seinem Hauptwerk „Die feinen Unterschiede“ darauf hingewiesen, daß die Menschen aus den unterschiedlichen sozialen Milieus jeweils einen stabilen Habitus des Verhaltens entwickeln (Lebensstil, Akzent und Sprache, Bildungsinteressen, soziale und geografische Mobilität etc.), dessen Bedeutungshintergrund und dessen kultureller Wert immer mitschwingt, der aber  in anderen Milieus oft nicht erkannt und verstanden werden kann. In so weit ist in dem Versuch, die Ausdrucksformen der Kunst in der bürgerlichen Hochkultur zur einzig möglichen, zur „wahren“ Kunst zu erklären, auch der Versuch von gesellschaftlichen Eliten enthalten, die kulturellen Ausdrucksformen des eigenen Milieus zur einzig gültigen gesellschaftlichen Norm zu erklären. . Während die einen eher an der ästhetischen Form (formaler Aufbau, Farbgebung, ästhetischer Wirkung etc.) orientiert sind, geht es bei den anderen eher um den lebensweltlichen Bedeutungsgehalt eines Werkes.

Besonders augenfällig werden diese Unterschiede, wenn man z.B. die Oper “Aida” von Guiseppe Verdi, eine Liebesgeschicte aus dem antiken Ägypten (ggf. auf italienisch) mit der von dörflicher Situationskomik geprägten Fernsehserie “Neues uas Büttenwarder” vergleicht, die in einem fiktiven Ort in Schleswig-Holstein spielt.

auf welche weise wirkt kunst ?

Wer in der bildenden Kunst etwas über die Befindlichkeit eines Menschen in einer bestimmten Situation erzählen will, kann sich dem Thema dadurch nähern,  dass er in seinem eigenen Körper versucht, diese Befindlichkeiten nachzufühlen und damit dann auch sehen zu können, wie der eigene Körper diese Befindlichkeiten sichtbar macht. Mit der Sprache des Körpers werden dem aufmerksamen Beobachter Botschaften übermittelt, die gelegentlich weit über das gesprochene Wort hinausgehen oder gar im Gegensatz zu dem gesprochenen Wort stehen können. Eine gut gemachte Skulptur, die mit diesem Mittel arbeitet, wird für alle diejenigen spontan verständlich, für die der Gegenstand der Erzählung in irgendeiner Weise von Belang ist.

„ich interessiere mich nicht für kunst, aber ich möchte eine skulptur bei Ihnen kaufen, die mich sehr betroffen gemacht hat“, sagte eine etwa 45jährige frau zu mir

Damit, und das ist das Entscheidende, wendet sich Kunst, die mit diesem Mittel arbeitet, an einen Teil unseres Wahrnehmungssystems, der nicht oder nur bedingt  der Kontrolle unserer  rationalen  Beurteilung unterliegt. Sie erreicht damit Schichten unserer Selbst- und Weltwahrnehmung, über die wir selbst oft nur sehr wenig aktives Wissen haben, die aber dennoch für unser Handeln oft hochwirksam sind.

Die Reduktion  der Komplexität eines Sachverhaltes in Form einer Geschichte hat darüber hinaus gegenüber der reinen Faktenpräsentation den Vorteil, daß es sich hier um die Beschreibung eines lebbaren Vorgangs handelt. “Und je diffuser und komplizierter unsere Welt wird, um so nötiger ist die unmittelbar verständliche Geschichte. Denn wir denken, wir leben, wir lieben und wir träumen in Geschichten. Sie sind das Medium unserer geistigen Existenz, die Ordnungsform unserer Wirklichkeit” (so der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Poerksen in der taz im Feb 2020).

alltagsrelevanz von kunst

Wenn jemand in unseren Garten oder in meine Werkstatt kommt, eine Skulptur betrachtet und es rutscht ihm oder ihr - evtl. auch nur in Gedanken - ein “aha”, oder ein “mmh” oder ein “wie?”heraus; wenn eigene Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen aktualisiert werden, wenn derjenige sich veranlaßt fühlt, ein weiteres mal hinzugucken, wenn sozusagen die Seele in Schwingungen versetzt wird,  dann hat evtl. Kunst  stattgefunden. Kunst ist das, was am Ende herauskommt: ein virtueller Vorgang der Initiierung von Kommunikation, von Sinngebung als Übereinkunft zwischen Hersteller und Betrachter. Sinn existiert nur virtuell; in den Köpfen, in den Herzen, als Prozess, als Übereinkunft, Verständigung, Kommunikation. So wie in der Literatur nicht das Buch, das bedruckte Papier das Kunstwerk ist, so ist in der Bildhauerei nicht die handwerklich erarbeitete Skulptur, das Hand*werk das, was das Eigentliche ist, sondern es ist der durch dieses initiierte Prozess; der Vorgang des Austausches über eine erzählte Geschichte.

Eine Frau  kommt in meine Werkstatt, sieht die Skulptur „das Gerücht“ (auf der Homepage Navigationspunkt „skulpturen II“) und es entfährt ihr ein spontanes und lautes „Ha!!!, das kenn ich!“. Was ist da passiert ? Kunst ist offenbar in der Lage, handlungsrelevante Schichten unseres Alltagsbewußtseins spontan zu erreichen (die mit rationalen Mitteln oft nicht spontan verfügbar sind). Kunst wirkt, selbst wenn sie mit rein geistigen Mitteln wie etwa in der Literatur operiert, nicht mit rationalen Mitteln, sondern mit dem Aufspüren von verdeckten Erfahrungsebenen. Die Existenz unseres sozialen Bewußtseins unterliegt emotionalen Gesetzen, auch wenn unsere Vorstellung vom aufgeklärten modernen Menschen uns etwas anderes zu versprechen scheint. Unsere Handlungsmotive und Lebensbeurteilungen entwicklen sich, wie wir alle wissen, nicht im kristallklaren Himmel logischer Gründe. “Der reine Verstand wird nie den Thron des irdischen Königreiches besteigen”, schreibt der berühmte polnische Philosoph Leszek Kolakowski.  .Wir werden immer Menschen bleiben, die von Vorurteilen, Egoismen, Reflexen,  von geheimen Wünschen, von Ressentiments und von niederträchtigen wie auch von  liebevollen, uneigennützigen  und auch von großherzigen Motiven gelenkt sind; und das in weitaus stärkerem Maße als durch unsere Rationalität.

Dadurch, dass Kunst an unseren verdeckten Erfahrungsebenen andocken kann, ist sie sowohl für unser persönliches wie unser gesellschaftliches Verhalten  in hohem Maße handlungsrelevant: allerdings nicht im Sinne eines handlungsentwerfenden  Verfahrens, sondern im Sinne einer  Anregung für die Wiederauffindung von verschütteten Emotionen und Bewußtseinslagen.

was bleibt?

Bei aller kritischen Betrachtung der Kunstwelt und bei aller Unsicherheit in der Beurteilung dessen, was Kunst ist, sein oder leisten kann, schreibt die Kunstsoziologin Sarah Thornton in ihrem Buch „Sieben Tage in der Kunstwelt“ (s.20/21), daß die Welt, in der wir leben, um einiges ärmer wäre, wenn es diese Kunstwelt nicht gäbe. Diese Welt, in der man sich auf so vergnügliche Weise paradox verhalten kann, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Spiel, lokaler Gültigkeit und Internationalität, zwischen Kultur und Ökonomie verwischen. Diese Welt wäre um einiges ärmer, wenn es diesen von oft grotesker Selbstüberschätzung geprägten Haufen egozentrischer Selbst- und Künstlerdarsteller, diese schrägen Vögel, diese oft überqualifizierten, anachronistischen Typen und sensiblen Beobachter nicht gäbe, die uns gelegentlich zeigen und auch fühlen lassen, dass das Leben auch ganz anders ist.

Und wenn das Gerede verstummt ist und alle nach Hause gehen; wenn wir das alles gar nicht mehr so ernst nehmen müssen, ist es einfach wunderbar, die Ergebnisse künstlerischer Arbeit oder auch "nur" kreativer Selbstbeschäftigung zu genießen.

  Stand 19.3 2021  

manchmal bin ich nicht meiner Meinung II

. . .  und die letzte bemerkung
wie immer zum schluss:
 “manchmal bin ich nicht meiner meinung”


Ein sinnvoller Kunstbegriff  muß ein Spektrum gemeinsamer akzeptierter Merkmale haben, und andere Merkmale ausschließen. Wo aber der Kunstbegriff “bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst” wird, (Haselbach u. a., „Der Kulturinfarkt“) reden wir zwar immer noch miteinander, aber doch jeder nur über Seins. Ein Dialog, der ein gemeinsames Verständnis darüber voraussetzt, was Gegenstand des Gespräches sein soll, findet nicht statt. Ein inflationär gehandelter Kunstbegriff führt am Ende zu einer Zerstörung jeglichen Kunstverständnisses. Wo alles Kunst ist, ist schließlich nichts mehr Kunst. Eine Unterscheidbarkeit von Kunst und Nicht-Kunst entfällt.Bei der gesprochenen Sprache ist uns allen bekannt, dass geredet werden kann, ohne wirklich etwas zu sagen. Ebenso wie in der gesprochenen Sprache sind in der Bildsprache der bildenden Kunst Wort- bzw. Bildhülsen und Leerformeln nicht immer sofort zu erkennen,  aber oft durchaus imponierend. Hinter ebenso verschwurgelten wie vielsagend-nichts-sagenden Formulierungen steht oft die Absicht, die Stümperei zur Tugend zu erklären. Solche mit bildsprachlichen Leerformeln angefüllten Werke können unter dem Gesichtspunkt der kreativen Selbstbeschäftigung des Herstellers und unter dem Aspekt von dekorativer Ästhetik, von Illustration und Design, die oft im Gewand der Kunst daherkommen,  durchaus ihren nicht zu unterschätzenden Wert haben. Nur: mit Kunst, die davon zu unterscheiden ist, haben solche Arbeiten wenig zu tun.

Sofern es in der bildenden Kunst um menschliches Verhalten geht, worin ich den Schwerpunkt meiner mir wichtigen Arbeiten sehe, kommt der Körpersprache eine herausragende Funktion hinsichtlich von Bedeutungsübertragungen zu. Gefühle finden im Körper statt, und der Körper drückt die Gefühle auch aus. Jeder kennt die Körperhaltung eines Menschen, der sich bedrückt fühlt. Jeder Fußballkommentator macht sich die Erkenntnisse, die aus der Mimik und der Körperhaltung von einzelnen Spielern oder einer Mannschaft sprechen, zu nutze. In der Mimik, in jeder Geste, in jeder Körperhaltung kommt das zum Ausdruck, was unsere gegenwärtige mentale und emotionale Verfassung ausmacht. Unsere Körpersprache ist ein unwillkürliches Ausdrucksmittel, auf dessen Kernbereich wir Menschen im Regelfall so gut wie keinen steuernden Einfluß haben; hier sind sich die Sozialwissenschaftler ausnahmsweise einmal einig. Zum einen lügt der Körper nicht. Zum anderen verstehen wir alle die Sprache des Körpers, meist ohne uns darüber im Klaren zu sein; intuitiv, über die meisten sozialen und kulturellen Grenzen hinweg.

 

An dieser Stelle sei ein kleiner ethymologischer Exkurs erlaubt.
Das Wort Kunst kommt aus dem Althochdeutschen  mit der Bedeutung “das, was man beherrscht; Kenntnis, Wissen, Meisterschaft” .Demnach ist die Redewendung “Kunst kommt von Können” richtig. (Der Volksmund hat in kreativer Anwendung  dieser Formel erklärt: Wenn es von Wollen käme, dann müsse es ja Wunst heißen. .)  Insoweit fand der Kunstbegriff über Jahrhunderte Anwendung auf alles, was den Begriff der Fähigkeiten, der Meisterschaft in den Vordergrund stellt. (Handwerkskunst, Lebenskunst, Baukunst, Gartenkunst und, und, und ) Davon zu unterscheiden ist heute ein Kunstbegriff, der  das Kunstwerk als eine Mitteilung, die zu enträtseln sei, begreift. Anders gesagt: Kunst ist das Erzählen einer Geschichte
.

oder:

“machst du was, was man verstehen kann, oder machst du mehr so ‘kunst’?”

zusammenfassung

was mich bewegt

 Oft wird schon die Bedingung der Möglichkeit von Kunst, etwa die Anwendung  handwerklicher Techniken, wie “das Verteilen von Farbe auf einer Leinwand” , so die sarkastische Bemerkung einer Kollegin, zur Kunst erklärt. Nicht selten verhalten sich Anspruch und Präsentationsrahmen der Werke umgekehrt proportional zu ihrem künstlerischen Gehalt. Mitunter reichen schon drei Kerben in einem Stück Holz, gut angeschliffen und poliert, auf einen Sockel gestellt und gut beleuchtet, um sie bedeutungsschwanger als „Metamorphose“ (altgriechisch: Gestaltsumwandlung)zu präsentieren.


Kunst ist die Kunst, eine Geschichte zu erzählen. “Was will uns der Künstler damit sagen ?”, ist die Eingangsfrage einer jeden Kunstbetrachtung. Dieser Frage liegt die Annahme zugrunde, dass Künstler etwas mitteilen wollen, was für andere von Bedeutung sein kann. Wenn die Arbeit nur für den Künstler von Bedeutung ist, wenn in dem Werk keine für andere Menschen erkannbare Mitteilung enthalten ist, handelt es sich um einen Akt kreativer Selbstbeschäftigung. Etwas mitteilen zu können, setzt zweierlei voraus.  Erstens, dass in dem Werk tatsächlich etwas enthalten ist, was potentiell für andere Menschen eine relevante Mitteilung sein kann. Zweitens, dass die in einer Form geschieht, die prinzipiell für andere Menschen zugänglich ist. Damit ist alles gesagt

Anhang zu

 „Kunst ist die Kunst, eine Geschichte zu erzählen“
Claudine, - Name geändert -  ist eine deutsch-französische Künstlerin, die seit 40  Jahren in Paris lebt und arbeitet .  Nov. 2020

 



Liebe Claudine,
ich danke Dir für die Mühe, die Du Dir mit Deiner Reaktion auf meine Gedanken zum Thema Kunst gemacht hast. Besonders freue ich mich,  dass sie offenbar für Dich, die Du ja seit Jahrzehnten in der Kunstszene unterwegs bist, lesenswert waren. Ich bin mir nämlich gar nicht so sicher, ob ich mit meiner Denkweise und mit meinen sachlichen Kenntnissen an den Kern und an die Substanz dessen herangekommen bin, was das Wesen von Kunst ist.
Das heißt nicht, daß ich von dem, was ich da geschrieben habe, nicht überzeugt wäre. Aber es ist einfach so, daß ich mit diesen ganzen Fragen in meinem eigenen Saft koche. Das muss kein Nachteil sein, weil das Denken außerhalb des Fachinternen manchmal auch verführerisch einfache Gedanken möglich macht. Meine Anbindung an die Fachdiskussionen ist ja nur sehr indirekt. Ich lese gelegentlich Aufsätze über Kunst, rede auch – aber eher selten – mit Menschen aus dem Kunstmilieu. Aber ich habe in vielem derartig andere Auffassungen, daß ich oft mit diesen Menschen noch nicht mal eine gemeinsame Sprache finde. Mitunter tauchen hier bei uns  Leute auf, mit denen ich mich,  zumindest was meine konkreten Arbeiten angelangt, in einer gemeinsamen Sprache unterhalten kann. Ich denke da besonders an einen alten Mann, ehemaliger Kunstprofessor und Leiter des Fachbereichs Kunst und Kunsterziehung der Universität Kiel, der mich sehr darin bestärkt hat, daß ich auf dem richtigen Weg bin. Er hatte sich im übrigen bei unserem ersten Kontakt als „Kunsterzieher“ bezeichnet ! Später sagte er zu mir, dass Titel doch nur Schall und Rauch seien. Es ist nach meiner Erfahrung selten, dass Leute aus dem Kunstmilieu so unprätentiös über sich reden. Das machte ihn mir sehr sympathisch.
Ich kann dieses wolkige Gerede über Kunst nicht leiden. Aber ich muss auch ehrlicherweise zugeben, daß mir oft/manchmal/gelegentlich das kunsttheoretische Handwerkszeug dazu fehlt, leeres Geschwätz von substanziellen Feststellungen zu unterscheiden. Das Fehlen des geistesgeschichtlichen Hintergrundes, was bei mir als Ungelerntem so ist, kann doch allzu leicht zu Fehlurteilen verführen.

Daher habe ich mit meinen Gedanken über Kunst einen anderen Zugang gewählt. Ich habe sozusagen nach außenliegenden Gesichtspunkten gesucht, die geeignet sind, das, was in dem Kunstbereich passiert, einzuordnen. Von Albert Einstein stammt die Erkenntnis, daß man nie  Probleme mit der gleichen Methode und den gleichen Vorgehensweisen lösen kann, durch die sie entstanden sind. Insofern sind – wenn denn dieser Satz zutrifft – alle Erörterungen, die in der Logik der zeitgenössischen Kunstdebatte verbleiben, mit einem Makel der potenziellen Fehlerhaftigkeit belastet. Das nimmt mir nicht die Last des Zweifels an der eigenen Vorgehensweise, aber etwas besseres ist mir bisher nicht eingefallen: der sozialwissenschaftliche, bzw. der kulturtheoretische und kommunikationswissenschaftliche Zugang zu diesen Fragen scheint mir eine gute Möglichkeit zu sein, den von Einstein behaupteten „fachidiotischen“ Stolpersteinen zu entgehen.
Deinen Verweis auf die Bedeutung des Handwerks und des handwerklichen habe ich gern gelesen. Du hast mir damit aus der Seele gesprochen. Ich habe öfter mit einer russischen Kollegin zu tun gehabt, die noch zu Sowjetzeiten ihre Ausbildung in Jekatarinenburg (Ural) gemacht hat. Ihren Arbeiten merkt man die soliden handwerklichen Kenntnisse und Fähigkeiten an, die den Künstlern unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus vermittelt worden sind.  Dazu passt, dass ein Kollege aus Kiel, der an der Muthesiusschule seine Bildhauerausbildung gemacht hatte mir erklärte, daß das,  was er im Bereich realistischer Körperdarstellungen gelernt hat, nicht während seiner Ausbildung vermittelt worden ist. Ein Armutszeugnis  für den Kunstbetrieb. 
Ich habe mit Zufriedenheit festgestellt, daß Du auch der Meinung bist, daß Kunst lediglich eine besondere Form der Kommunikation ist. In der abgedroschenen Frage, „was der Künstler uns denn damit sagen will ?“,  und auch in der Textzeile der österreichischen Musikgruppe „Die Schmetterlinge“, wo es heisst, daß „wenn ein Lied schon Worte hat, … sie auch was bedeuten sollen“  steckt genau das, was Kunst für die Menschen bedeuten kann.
Und noch ein letzter Gedanke. Du schreibst, daß Du das Gefühl hast, daß die Musiker  bescheidener sind. Das sehe ich genau so. Ich glaube, das hat wesentlich damit zu tun, daß jeder Mensch ein ziemlich sicheres Gefühl dafür hat, ob ein kulturelles Angebot und damit auch eine bestimmte Musik seinem Lebensgefühl entspricht, oder nicht. Dieses sichere Gefühl gibt es bei vielen Menschen im Bereich der bildenden Kunst nicht (mehr ?). Selbstverständlich kennst Du das, daß viele Menschen Gespräche über bildende Kunst mit der Bemerkung  einleiten, daß sie ja „Kunstbanausen“ seien. Nachdem man ihnen aus dem Elfenbeinturm heraus eingeredet hat, daß ihr natürliches Empfinden für Kommunikation und Ästhetik prinzipiell unzureichend sei, erfüllt sich dann am Ende auch diese Prophezeiung selbst. Die Menschen trauen sich oft kein Urteil mehr zu; zumindest solange „Fachleute für Kunst“ anwesend sind. Man will sich ja schließlich nicht bis auf die Knochen blamieren. Bildende  Künstler beanspruchen oft eine Deutungshoheit über die Gefühle von Menschen, die ihnen nicht zusteht.
In diesem Sinne alles Gute auch von Birgitt
Hans

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