was noch fehlt

über mich

Bevor ich zu einem relativ späten Lebenszeitpunkt angefangen habe, Holzfiguren zu schnitzen, habe ich über fast 40 Jahre hinweg in sehr unterschiedlichen Bereichen (vom Handwerk über Dienstleistungen und dem universitären Bereich bis hin zu Erwachsenenbildung, Managment und nun auch im Bereich der Gastronomie und Kunst) Lebenserfahrungen sammlen können. Das Wichtigste dabei war die Erfahrung, daß das Leben  ganz anders ist.

1966

2012_1020ela0072

The Times
They Ar a-Changin’,
und die Trauer schläft
in deinen Augen,
weck sie nicht
mit deinem Schrei.
Pack die Sachen
die dir wert sind
,
sag adieu
zu deinen Leuten,
diese traurig düstere Reise
ist jetzt auch
vorbei.

(abgewandelt nach
F.J.Degenhardt)

und über die kunst:

kunst ist die kunst, eine geschichte zu erzählen

Viele meiner Skulpturen, die mir besonders am Herzen liegen erzählen Geschichten von einer Lebensweise, die nur ein Ziel kennt: weiter, schneller, höher und größer, bzw. von Versuchen, in dieser Welt die Orientierung nicht zu verlieren.  Diese Skulpturen erzählen Geschichten von unterlassenen und verdrängten Träumen, von falschen Hoffnungen und falschen Gewissheiten.  Sie handeln von einem gehetzten Alltag, von dem der wir glauben, dass so das Leben sei.  Wir sind eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen, die ständig bemüht sind, die Zeit einzusparen, die sie benötigen, um Dinge zu erwirtschaften, die sie nicht brauchen, um damit Menschen zu beeindrucken, die sie nicht leiden mögen,   schreibt sinngemäß der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm  bereits 1976  in seinem Buch “Haben oder Sein”.

Nach einigen eindrücklichen Lebenserfahrungen werde ich den Verdacht nicht los, dass das Leben ganz anders ist.

irritationen

Im Jahre 2001 habe ich meine ersten Schnitzversuche unternommen. Zwei Jahre später habe ich mir spezielles Schnitzwerkzeug gekauft und begonnen, regelmäßig Holzfiguren herzustellen. Weil ich mich seit Beginn meiner ersten bildhauerischen Versuche gefragt habe, was ich denn da eigentlich mache, wenn ich schnitze, habe ich Bücher gelesen, in Zeitschriften recherchiert und mit Menschen geredet um herauszufinden, was denn Kunst ist und wie der Kunstbetrieb funktioniert. Es ging mir hierbei nicht um kunst- oder kulturwisschenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse. Ich wollte die Alltagsfrage für mich beantworten, wo die Grenze zwischen Trivialität und der Einlösung weitergehender Ansprüche verläuft und wie diese beschaffen ist; ob das, was ich mache, weitergehenden Ansprüchen gerecht werden kann, wenn ja, welchen und warum.

Ein diesbezügliches Schlüsselerlebnis hatte ich, als ein Freund mich fragte: „Machst du was, was man verstehen kann, oder machst du mehr so ‚Kunst‘?“. Es scheint so zu sein, daß auf dem Kunstmarkt etwas inszeniert wird, was sich dem Alltagsverständnis vieler Menschen im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung verschließt. Kritische Stimmen behaupten, daß auf dem Kunstmarkt ein „Sektenritual“ gepflegt  wird, von dem man „ohne erfolgreich abgeschlossene Gehirnwäsche ausgeschlossen bleibt“. Wem dieses Urteil zu hart ist und wer genaueres wissen will, findet bei den Künstlern und Kunsthistorikern Christian Sahernd und Steen T. Kittl („Das kann ich auch, Gebrauchsanweisung für moderne  Kunst“ S. 290) in unterhaltsamer  Form eine Fülle von Fakten und Schlussfolgerungen.Völlig absurd und nur noch als Immunisierungsstrategie zu verstehen wird das Ganze bei einer Betrachtungsweise wie in der sogenannten Konzeptkunst, in der „Kunst nur dann ‚gute Kunst‘ ist, je weniger sie gesellschaftlich verstanden und anerkannt wird“ (Raimund Unger, „Die Heldenreise des Künstlers“, S.32)

Ich hatte nach vielen Jahren eigener bildhauerischer Tätigkeit die Gelegenheit, ein längeres Gespräch mit einer seit langem bundesweit beachteten Künstlerin zu führen. Eine kluge und reflektierte Frau, Beuys-Schülerin und Meisterschülerin von Gerhard Richter, die zeitweilig auch als Professorin tätig gewesen ist. Dennoch fühlte ich mich durch dieses Gespräch in meinem Eindruck bestätigt, daß in dem Treibhausklima der Kunst-Welt Beurteilungen über die Ansprüche, die an Kunst zu stellen sind gedeihen, die mit dem, was ich in meiner gesellschaftlichen Wirklichkeit erlebe, nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Denselben Eindruck hatte ich nach einem  Briefwechsel mit einem Vertreter des Vorstandes des Berufsverbandes Bildender Künstler in Berlin.  Ohne die meinungsprägende Mitgliedschaft in einer Künstlervereinigung (zwei Anträge auf Mitgliedschaft bei verschiedenen Künstlervereinigungen wurden abgelehnt wegen fehlender Ausbildung und weil meine Arbeiten “zu platt” seien),  ohne externe Ausstellungs- und ohne Wettbewerbsbeteiligungen bin ich neben eigenen Ausstellungsbesuchen und Literaturstudien in meinen Reflexionen geprägt durch die Betrachtungsweisen der vielen hundert Besucher die jährlich meine Werkstatt besuchen. Unter ihnen  sind auch viele Menschen, denen die Ästhetik der bürgerlichen Hochkultur durchaus fremd ist. Gespräche mit diesen Menschen empfinde ich sehr oft als eine große Bereicherung. Sich nur von denen bestätigen zu lassen, mit denen man sich eh unter derselben Meinungsglocke befindet, mag zwar die Seele wärmen, führt aber evtl. zu einem erheblichen Defizit in der Wirklichkeitserfsassung.

wann sind holzfiguren kunst ?

Jenseits von Interessenlagen, in denen es um Finanzspekulation und Sozialprestige geht gilt, daß  es Gegenstand jeder Kunst ist, Geschichten zu erzählen (Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei, Tanz, Film, Oper, Theater etc.). Das zentrale (bild-)sprachliche Ausdrucksmittel der bildenden Kunst ist, durch  Verfremden, Hervorheben und Weglassen Irritationen bei dem Betrachter herbeizuführen, um somit dessen Wahrnehmung auf einen bestimmten Gegenstand oder eine Sichtweise zu lenken. Hervorheben, Weglassen und Verfremden hat zwangsläufig und auch gewollt ein gewisses Maß an Mehrdeutigkeit und Vagheit der Aussagen zur Folge. Von der notwendigen Vagheit und Mehrdeutigkeit der Aussagen bis zur gezielten Vernebelung der Absichten, der Verwirrung des Betrachters bis hin zur einer hohlen Geste des Künstlerischen ist es nur noch ein kleiner Schritt. Oft wird schon die Bedingung der Möglichkeit von Kunst, etwa die Anwendung  handwerklicher Techniken, wie “das Verteilen von Farbe auf einer Leinwand” , so die sarkastische Bemerkung einer Kollegin, zur Kunst erklärt. Nicht selten verhalten sich Anspruch und Präsentationsrahmen der Werke umgekehrt proportional zu ihrem künstlerischen Gehalt. Mitunter reichen schon drei Kerben in einem Stück Holz, gut angeschliffen und poliert, auf einen Sockel gestellt und gut beleuchtet, um sie als „Metamorphose“ zu präsentieren.

Bei der gesprochenen Sprache ist uns allen bekannt, dass geredet werden kann, ohne wirklich etwas zu sagen. Ebenso wie in der gesprochenen Sprache sind in der Bildsprache der bildenden Kunst Wort- bzw. Bildhülsen und Leerformeln nicht immer sofort zu erkennen,  aber oft durchaus imponierend. Hinter ebenso verschwurgelten wie vielsagend-nichts-sagenden Formulierungen steht oft die Absicht, die Stümperei zur Tugend zu erklären. Solche mit bildsprachlichen Leerformeln angefüllten Werke können unter dem Gesichtspunkt der kreativen Selbstbeschäftigung des Herstellers und unter dem Aspekt von dekorativer Ästhetik, von Illustration und Design, die oft im Gewand der Kunst daherkommen,  durchaus ihren Wert haben. Nur: mit Kunst, die davon zu unterscheiden ist, haben solche Arbeiten wenig zu tun.

 

Die vielfach mißverstandene bauhaus-Idee von Walter Gropius und anderen in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde angesichts der zunehmenden Serifizierung von industriellen Produkten der Wert handwerklich-ästhetischer Fertigung wieder in das öffentliche Bewußtseins gerückt. Es ging hierbei aber nicht um eine Verschmelzung, sondern um ein Zusammenführen von Kunst und Handwerk mit dem Ziel ästhetischer Funktionalität in einer ganzheitlichen Lebenswelt.

Es geht bei diesen Unterscheidungen um voneinander abzugrenzende Zielsetzungen. Im Gegensatz zu kreativer Selbstbeschäftigung, zu dekorativer Ästhetik, zu Illustration und Design geht es bei der Kunst darum, nicht ohne weiteres sichtbare Aspekte eines Themas aus einer emotional bedeutsamen und kognitiv erhellenden Perspektive zu betrachten und ggf. zugänglich zu machen. Um mit Paul Klee zu sprechen: „Kunst gibt nicht Sichtbares wieder, Kunst macht sichtbar“.

hand*werk
kann man sich erarbeiten, kunst braucht reife

Es stellt sich die Frage, um welche Art von Bedeutungsübertragungen es geht, wenn wir von Inspiration, von künstlerischem Ausdruck reden? Es handelt sich hierbei nicht um geheimnisumwitterte sphärische Eingebungen. Inspirationen wurzeln in alltäglichen Vorgängen, die allen Menschen geläufig sind: Wir sehen und erleben in unserem näheren oder weiteren Lebensumfeld Ereignisse, uns drängen sich Schlussfolgerungen auf, wir verarbeiten Erfahrungen, es gibt Sachverhalte, die uns staunen lassen etc.. Wer gern malt, schnitzt, musiziert etc. versucht dann ggf., diese Beobachtungen und deren Interpretation mit seinen den Mitteln seines Hand*werks in Szene zu setzen, und damit auch – wenn es gut geht – für sich zu verarbeiten.

Ein sinnvoller Kunstbegriff  muß ein Spektrum gemeinsamer akzeptierter Merkmale haben, und andere Merkmale ausschließen. Wo aber der Kunstbegriff “bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst” wird, (Haselbach u. a., „Der Kulturinfarkt“) reden wir zwar immer noch miteinander, aber doch jeder nur über Seins. Ein Dialog, der ein gemeinsames Verständnis darüber voraussetzt, was Gegenstand des Gespräches sein soll, findet nicht statt. Ein inflationär gehandelter Kunstbegriff führt am Ende zu einer Zerstörung jeglichen Kunstverständnisses. Wo alles Kunst ist, ist schließlich nichts mehr Kunst. Eine Unterscheidbarkeit von Kunst und Nicht-Kunst entfällt.

kunst und bürgerliche
hochkultur

Kunst erschöpft sich nicht in den Ausdrucksformen der bürgerlichen Hochkultur. Für den aus dem nordfranzösischen Arbeitermilieu stammenden Soziologen Didier Eribon hatte in dem Lebensbereich seiner Herkunft “die” Kunst keine Bedeutung. Interesse an Kunst sei eine Frage der Bildung. „Ich mußte es erst lernen. Das war ein Teil einer nahezu vollständigen Umerziehung um in eine andere Welt eintreten zu können“ (Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, S.98). Das Interesse an Kunst habe in dieser Welt jedoch “stets, ob bewußt oder unbewußt auch damit zu tun, daß man das Selbst aufwertet, indem man sich von denen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben”. Hieraus resultiere  ein  Überlegenheitsgefühl, das aus einem “ewigen diskreten Lächeln ebenso spricht wie aus ihrer Körperhaltung,  dem kennerhaften Jargon wie aus dem ostentativen Wohlgefühl“, von dem die Selbstpräsentation geprägt ist.

Damit Kunst zugänglich werden kann, scheint es notwendig zu sein, etwas Übung in der Entschlüsselung von Metaphern und Bedeutungsübertragungen zu haben, die in dem jeweiligen Kulturkreis in der bildenden Kunst verwendet werden.  In jeder Erfahrungswelt werden die Geschichten eben dieser Erfahrungswelt erzählt. Das, was Eribon die „vollständige Umerziehung“ nennt, ist in erster Linie nicht einer besonderen Eigenart der Kunst geschuldet, sondern seinem Eintritt in eine andere Lebenswelt mit anderen Regeln, Selbstverständlichkeiten, anderen Geschichten, anderen kulturellen Ausdrucksformen und anderen Metaphern, Chiffren und sozialen Codierungen.

Der  Soziologe Pierre Bourdieu, der selbst auf einer kleinen Bauernstelle im ländlichen Frankreich aufgewachsen ist, hat in seinem Hauptwerk „Die feinen Unterschiede“ darauf hingewiesen, daß die Menschen aus den unterschiedlichen sozialen Milieus jeweils einen stabilen Habitus des Verhaltens entwickeln (Lebensstil, Akzent und Sprache, Bildungsinteressen, soziale und geografische Mobilität etc.), dessen Bedeutungshintergrund und dessen kultureller Wert immer mitschwingt, der aber  in anderen Milieus oft nicht erkannt und verstanden werden kann. In so weit ist in dem Versuch, die Ausdrucksformen der Kunst in der bürgerlichen Hochkultur zur einzig möglichen, zur „wahren“ Kunst zu erklären, auch der Versuch von gesellschaftlichen Eliten enthalten, die kulturellen Ausdrucksformen des eigenen Milieus zur einzig gültigen gesellschaftlichen Norm zu erklären. Bourdieu zufolge ist dieser Sachverhalt eine Folge von habituellen Unterschieden in der Beurteilung was Kunst sein oder leisten kann. Während die einen eher an der ästhetischen Form (Bildaufbau, Farbgebung, ästhetischer Wirkung etc.) orientiert sind, geht es bei den anderen eher um den lebensweltlichen Bedeutungsgehalt eines Werkes.

Besonders augenfällig werden diese Unterschiede, wenn man z.B. die Oper “Aida” von Guiseppe Verdi, eine Liebesgeschicte aus dem antiken Ägypten (ggf. auf italienisch) mit der von dörflicher Situationskomik geprägten Fernsehserie “Neues uas Büttenwarder” vergleicht, die in einem fiktiven Ort in Schleswig-Holstein spielt.

auf welche weise wirkt kunst ?

Sofern es in der bildenden Kunst um menschliches Verhalten geht, worin ich den Schwerpunkt meiner mir wichtigen Arbeiten sehe, kommt der Körpersprache eine herausragende Funktion hinsichtlich von Bedeutungsübertragungen zu. Gefühle finden im Körper statt, und der Körper drückt die Gefühle auch aus. Jeder kennt die Körperhaltung eines Menschen, der sich bedrückt fühlt. Jeder Fußballkommentator macht sich die Erkenntnisse, die aus der Mimik und der Körperhaltung von einzelnen Spielern oder einer Mannschaft sprechen, zu nutze. In der Mimik, in jeder Geste, in jeder Körperhaltung kommt das zum Ausdruck, was unsere gegenwärtige mentale und emotionale Verfassung ausmacht. Unsere Körpersprache ist ein unwillkürliches Ausdrucksmittel, auf dessen Kernbereich wir Menschen im Regelfall so gut wie keinen steuernden Einfluß haben; hier sind sich die Sozialwissenschaftler ausnahmsweise einmal einig. Zum einen lügt der Körper nicht. Zum anderen verstehen wir alle die Sprache des Körpers, meist ohne uns darüber im Klaren zu sein; intuitiv, über die meisten sozialen und kulturellen Grenzen hinweg.

 

Wer in der bildenden Kunst etwas über die Befindlichkeit eines Menschen in einer bestimmten Situation erzählen will, kann sich dem Thema dadurch nähern,  dass er in seinem eigenen Körper versucht, diese Befindlichkeiten nachzufühlen und damit dann auch sehen zu können, wie der eigene Körper diese Befindlichkeiten sichtbar macht. Mit der Sprache des Körpers werden dem aufmerksamen Beobachter Botschaften übermittelt, die gelegentlich weit über das gesprochene Wort hinausgehen oder gar im Gegensatz zu dem gesprochenen Wort stehen können. Eine gut gemachte Skulptur, die mit diesem Mittel arbeitet, wird für alle diejenigen spontan verständlich, für die der Gegenstand der Erzählung in irgendeiner Weise von Belang ist.

„ich interessiere mich nicht für kunst, aber ich möchte eine skulptur bei Ihnen kaufen, die mich sehr betroffen gemacht hat“, sagte eine etwa 45jährige frau zu mir

Damit, und das ist das Entscheidende, wendet sich Kunst, die mit diesem Mittel arbeitet, an einen Teil unseres Wahrnehmungssystems, der nicht oder nur bedingt  der Kontrolle unserer  rationalen  Beurteilung unterliegt. Sie erreicht damit Schichten unserer Selbst- und Weltwahrnehmung, über die wir selbst oft nur sehr wenig aktives Wissen haben, die aber dennoch für unser Handeln oft hochwirksam sind.

Die Reduktion  der Komplexität eines Sachverhaltes in Form einer Geschichte hat darüber hinaus gegenüber der reinen Faktenpräsentation den Vorteil, daß es sich hier um die Beschreibung eines lebbaren Vorgangs handelt. “Und je diffuser und komplizierter unsere Welt wird, um so nötiger ist die unmittelbar verständliche Geschichte. Denn wir denken, wir leben, wir lieben und wir träumen in Geschichten. Sie sind das Medium unserer geistigen Existenz, die Ordnungsform unserer Wirklichkeit” (so der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Poerksen in der taz im Feb 2020).

alltagsrelevanz von kunst

Wenn jemand in unseren Garten oder in meine Werkstatt kommt, eine Skulptur betrachtet und es rutscht ihm oder ihr - evtl. auch nur in Gedanken - ein “aha”, oder ein “mmh” oder ein “wie?”heraus; wenn eigene Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen aktualisiert werden, wenn derjenige sich veranlaßt fühlt, ein weiteres mal hinzugucken, wenn sozusagen die Seele in Schwingungen versetzt wird,  dann hat evtl. Kunst  stattgefunden. Kunst ist das, was am Ende herauskommt: ein virtueller Vorgang der Initiierung von Kommunikation, von Sinngebung als Übereinkunft zwischen Hersteller und Betrachter. Sinn existiert nur virtuell; in den Köpfen, in den Herzen, als Prozess, als Übereinkunft, Verständigung, Kommunikation. So wie in der Literatur nicht das Buch, das bedruckte Papier das Kunstwerk ist, so ist in der Bildhauerei nicht die handwerklich erarbeitete Skulptur, das Hand*werk das, was das Eigentliche ist, sondern es ist der durch dieses initiierte Prozess; der Vorgang des Austausches über eine erzählte Geschichte.

Eine Frau  kommt in meine Werkstatt, sieht die Skulptur „das Gerücht“ (auf der Homepage Navigationspunkt „skulpturen II“) und es entfährt ihr ein spontanes und lautes „Ha!!!, das kenn ich!“. Was ist da passiert ? Kunst ist offenbar in der Lage, handlungsrelevante Schichten unseres Alltagsbewußtseins spontan zu erreichen (die mit rationalen Mitteln oft nicht spontan verfügbar sind). Kunst wirkt, selbst wenn sie mit rein geistigen Mitteln wie etwa in der Literatur operiert, nicht mit rationalen Mitteln, sondern mit dem Aufspüren von verdeckten Erfahrungsebenen. Die Existenz unseres sozialen Bewußtseins unterliegt emotionalen Gesetzen, auch wenn unsere Vorstellung vom aufgeklärten modernen Menschen uns etwas anderes zu versprechen scheint. Unsere Handlungsmotive und Lebensbeurteilungen entwicklen sich, wie wir alle wissen, nicht im kristallklaren Himmel logischer Gründe. “Der reine Verstand wird nie den Thron des irdischen Königreiches besteigen”, schreibt der berühmte polnische Philosoph Leszek Kolakowski. in einem Aufsatz über “Ideologie und Theorie”. .Wir werden immer Menschen bleiben, die von Vorurteilen, Egoismen, Reflexen,  von geheimen Wünschen, von Ressentiments und von niederträchtigen wie auch von  liebevollen, uneigennützigen  und auch von großherzigen Motiven gelenkt sind; und das in weitaus stärkerem Maße als durch unsere Rationalität.

Dadurch, dass Kunst an unseren verdeckten Erfahrungsebenen andocken kann, ist sie sowohl für unser persönliches wie unser gesellschaftliches Verhalten  in hohem Maße handlungsrelevant: allerdings nicht im Sinne eines handlungsentwerfenden  Verfahrens, sondern im Sinne einer  Anregung für die Wiederauffindung von verschütteten Emotionen und Bewußtseinslagen.

was bleibt?

Bei aller kritischen Betrachtung der Kunstwelt und bei aller Unsicherheit in der Beurteilung dessen, was Kunst ist, sein oder leisten kann, schreibt die Kunstsoziologin Sarah Thornton in ihrem Buch „Sieben Tage in der Kunstwelt“ (s.20/21), daß die Welt, in der wir leben, um einiges ärmer wäre, wenn es diese Kunstwelt nicht gäbe. Diese Welt, in der man sich auf so vergnügliche Weise paradox verhalten kann, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Spiel, lokaler Gültigkeit und Internationalität, zwischen Kultur und Ökonomie verwischen. Diese Welt wäre um einiges ärmer, wenn es diesen von oft grotesker Selbstüberschätzung geprägten Haufen egozentrischer Selbst- und Künstlerdarsteller, diese schrägen Vögel, diese oft überqualifizierten, anachronistischen Typen und sensiblen Beobachter nicht gäbe, die uns gelegentlich zeigen und auch fühlen lassen, dass das Leben auch ganz anders ist.

Und wenn das Gerede verstummt ist und alle nach Hause gehen; wenn wir das alles gar nicht mehr so ernst nehmen müssen, ist es einfach wunderbar, die Ergebnisse künstlerischer Arbeit oder auch "nur" kreativer Selbstbeschäftigung zu genießen.

  Stand 12.9.2020  

manchmal bin ich nicht meiner Meinung II

. . .  und die letzte bemerkung
wie immer zum schluss:
 manchmal bin ich nicht meiner meinung

Falscher Ansatz ? Denkfehler ? Argumentationslücken ? etc.  Ggf. Rückmeldung an : Hans Wüllner, gruenlund@t-online.de


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